behind curtains

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Hinter den Gardinen: Transparenz und Erfüllung
Erinnerungsflash! – Wie wenn dieses Foto mit sich selber spräche: Schau mich an, schau mich an, schau mich nur genau an bis ich durchsichtig werde an deinem Blick. So etwas würde dieses Bild sagen und deinen Blick von innen nach außen fotografieren dabei: Transparenz und Medium, Fenster und Fensterbänke mit diesen Blumentöpfen! Zimmerpflanzen wären immer symbolisch gemeint in diesem Fall, eine geheime Ikonologie des Blicks von innen nach außen, gegen das Licht fotografiert. – Dazu sind Fotografien doch da: endlich einen Durchblick zu bekommen für alles. Und je länger man auf dieses Bild starrt, nach und nach wird das Fotografieren selbst transparent als Teil des Lebens damals, und das Leben hinter den Gardinen bekommt eine neue Bedeutung, und du denkst dir deinen Teil dazu beim Hinsehen auf diesen privaten Blick und diese Fenster, die den hermeneutischen Rahmen liefern für die Weltinterpretation seit Leibniz diese Monaden erfand im siebzehnten Jahrhundert oder die Kunstgeschichte die ikonische Differenz. Und du merkst, dass du immer etwas hinzu erfindest mit deiner Erinnerung oder möglichen Erinnerung. Und diese Gardinen und Fensterbänke bilden dann ein metaphysisches Zwischenreich, und draußen ist Spätsommer, und die Rosen blühen und die Gardinen und die Blumen werden sich selbst transparent dabei, aber das ist jetzt nur metaphorisch gesprochen, weil du nicht weiterkommst mit dieser Fotografie-Interpretation. Und du versuchst verzweifelt, dich in diesen Blick einzuüben der 70er oder 80er Jahre und diese Schöner-Wohnen-Konnotationen wieder herzustellen aus den Lebenseinrichtungsillustrierten, die es an den Bahnhofskiosken gab damals in Bamberg, Wanne-Eickel und Buxtehude und dazu den immerwährenden Rückzug ins Private zu denken und die RAF draußen als Antwort dazu auch noch. Und du erinnerst dich an diese Fernsehbilder aus X wo die Polizei nach wochenlanger Rasterfahndung endlich die Wohnung der Terroristen umstellt hatte und in den Nachbarhäusern die Menschen hinter den ADO-Gardinen mit den Goldkanten standen und aus den Fenstern starrten mit diesem bestimmten Blick und die ADO-Gardinen sich leicht bewegten dabei und die Zimmerpflanzen auch vom Atmen und zuschauten, wie die Polizei mit der RAF endlich sprachlich fertig zu werden versuchte, und die Waffen auf den Boden legen und mit über den Kopf erhobenen Händen herauskommen sollten sie. Und die Umstellten standen auch hinter irgendwelchen Gardinen rum und atmeten gepresst gegen das Gewebe. Wenn Gardinen sich bewegen, muss ich immer an RAF denken. Rainer Totzke


Schwellenblicke
Eine Fensterbank mit Pflanzen, anhand ihrer differierenden Silhouetten wären ihre Arten bestimmbar.  Ein Eckfenster: Sicht auf Tannenzweige, Blautannen, eine Wohnung im zweiten Stock eines Einfamilienhauses, halbe Gardinen, so dass genügend Licht auf die Pflanzen fällt, weiter rechts im Bild eine Balkonwand, die Helligkeit des Tages auffängt.
Fotografierte Grenzflächen. Hüllen, Abstände, Distanzen zwischen dem Pflanzenpanorama der Fensterbank, den Bäumen im Garten. Trennungselemente: Glasscheibe, Balkonwand, Gegenlicht. Der Blick verweilt an den Konturen der Pflanzen, wandert diese ab, zeichnet die Formen der Blätter nach, zieht Blicklinien im Rhythmus der Gardinen. Keine Aussichten. Der Blick verweilt an der Glasscheibe. An der hauchdünnen Membranschicht nach draußen. Zwischenraumblick.
Vielleicht ist in dieser Fotografie nicht mehr zu sehen als der Abstand zwischen privatem Raum und Außenwelt und das Nicht nah genug an den Dingen sein. Das Licht fällt von draußen nach innen und hinterlegt die Konturen einer Innen-Einrichtung. Die Fotografie scheint durch das Abbilden von Silhouetten, Konturen die Umrandung der Dinge einzufangen. Schwellenkonturen.
In der Mitte der Fotografie ist eine dunkle Mittelwand zu sehen, so dunkel, dass sie als Tiefe gelten könnte. Ein Feld für Ungefülltes, für Gedankenleere, Abwesenheit oder eine Raumecke, Verwahrstelle für einen schweren Samtvorhang, der alle Blicke, die Innenliegenden oder die Eindringenden aufhebt.
Hier, in diesem dunklen Feld der Fotografie beginnt eine Leerstelle, ein blinder Fleck. Die Distanz des Fotografen, sein Nicht nah genug an den Dingen sein, die Unbestimmbarkeit seines Blickes, die Ambivalenz zwischen dem Vorhandensein des Fotografen und seiner körperlichen Unsichtbarkeit – diese unheimliche Präsenz liegt in dem dunklen Teil des Raumes, in der Raumecke. Schwellenraumblick, auch hier. Birgit Szepanski

 
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