dyed flowers

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Bevor
Pfingstrosen, violett. Schachtelhalm. Die Vase aus Ton, Keramiklack, hellgelb. Im Garten der Eltern standen Apfelbäume. Der Duft der Blüten. Fallobst, später auf der Wiese, aufgelesen. Sie luden die Äpfel in Kisten. Flaschenklirren auf dem Hof. Im Herbst der Beschnitt. Winter. Einer, der nie aufhören wollte. Der Letzte. Die Fotografie machte ein Durchreisender.
Pfingstrosen wuchsen neben dem Nutzgarten in einem kleinen Blumenbeet, entlang des Holzzauns. Ihre Blütenköpfe hingen bis zum Spätsommer schwer hinab. Ende Juni schnitt sie welche ab. Ging den Gartenpfad entlang, um Schachtelhalme zu holen. Pfingstrosen, Schachtelhalme, zusammen in einem Krug. Sie standen ein paar Tage auf dem Küchentisch. Bevor einzelne Blätter abfielen, welkten war der Krug wieder in Gebrauch.
An der Straßenecke zur S-Bahnstation, in dem asiatischen Blumengeschäft gibt es Pfingstrosen. Aber keine violetten, wie damals weit im Osten. Sie kauft welche, wenn sie noch grün, geschlossen sind, stellt sie in einen Eimer mit Lebensmittelfarbe. Nach zwei Tagen färben sie sich violett. Den Schachtelhalm ersetzt sie durch Farngras. Die Fotografie der Eltern stellt sie daneben. Die Apfelbaumwiese. Der Garten. Ende Juni. Wenn sie nachmittags aufwacht und von ihrem Bett aus in Richtung Vase und Fotografie blickt entsteht die Erinnerung an einen vergangenen Duft.
Es ist nicht genau zu sagen, wer wen anblickt auf dieser Diafotografie. Das Paar blickt aus dem Bilderrahmen hinein in das Zimmer. Wir blicken in ein Zimmer und auf jene Wiese, auf der das Paar steht. Irgendwo dort treffen sich ihre Blicke mit unseren. Irgendwo dort, in der Nähe ihres Hauses könnten Pfingstrosen stehen, der Pfad mit Schachtelhalm verlaufen. Dass der Bilderrahmen die Vase nicht berührt und beide Dinge in einer Linie stehen, so nah beieinander – ein persönliches Panorama für Erinnerungen. Birgit Szepanski

Abwesend
Das Abwesende anwesend machen und dazu Fotografien in seiner Wohnung aufstellen und die Vergänglichkeit festhalten: Die Bilder der Ahnen, sagen die Ethnologen, die systematisch unsere Wohnungen aufsuchen (spätestens mit diesem Essay jedenfalls) und sich fragen, wie wir mit der Zeit umgehen oder umgingen, damals in den 70ern, die Endlichkeit aushielten oder aushalten und das allmähliche Verschwinden unserer Großeltern von Generation zu Generation nur Fotos auf die Kommoden stellen, wie kleine Erinnerungsaltäre, eingerichtet für die Hausgeister und Schutzpatrone familiären Gelingens und Blumen dazu, immer frische Blumen als eine Art Opfergabe. Und die Blumen der Vergänglichkeit machen eben ein Stillleben aus allem. Und wir versuchen wirklich innerlich ruhig zu werden, endlich vor Angst und überlegen stattdessen, was es dann wiederum bedeutet, dieses Foto zu fotografieren. Gibt es einen reflexiven Sinn, einen semantischen Hinterhalt, eine Frage, die der Fotograf auf- und mit dem Diaprojektor an die Wand werfen möchte zum Schluss? – Was es zum Beispiel bedeutet, das Abwesende anwesend zu machen und noch einmal anwesend und abwesend zugleich? – Oder wollte die Fotografin dieses Foto-Stillleben etwas Allgemeineres über Bilder in Erfahrung bringen? Wann werden Bilder reflexiv? Wann ist Kunst? Und trotz dieser Fragen dort wohnen zu bleiben oder bleiben zu müssen als Antwort oder zu wollen, in der eigenen endlichen Wohnung, und auch dieses Foto immer wieder abzustauben und neue Blumen zu kaufen darin und eben immer weiter still zu leben… Rainer Totzke

 
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