perfect surface

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Sie lächeln
An einem Vormittag. Im Sommer. Man könnte das berichten, was zu vermuten ist, das was offensichtlich wäre. Wie, die Glasscheiben sind seit gestern frisch geputzt, der Rosenlausbefall erfolgreich gestoppt, der Vorgarten gejätet, das Auto steht für die Sonntagsfahrt vor der Garage.
Sie lächeln. Den selbstgebackenen Kuchen wird H. später servieren, mit dem Kaffee, auf dem zur Hochzeit geschenkten Tafelservice in Blau. Sie lächeln in den Tag hinein. Ihr Eigenheim. Die Garage direkt am Haus. Kaffeeduft bis zum Nachmittag. Und dann. Und dann fehlte J.
Manchmal denken sie an ihn. Dieser Tag im Sommer, an dem sie noch zusammen ins Grüne fahren werden und Kaffee trinken und die Kinder am späten Nachmittag ins Freibad gehen. In diesen Tag lächeln sie hinein. Sie wissen noch nichts.
Die Sonne wandert am Haus entlang. Immer noch scheint sie am längsten auf die Wand mit der Terrassentür. J. – seine Gestalt beginnt sich in der Fotografie, in diesem festgehaltenen Augenblick aufzulösen, kaum merklich abzuheben von dem Hintergrund des Hauses. Ohne, dass jemand damals etwas geahnt hätte. J.s Anwesenheit in der Fotografie und das Lächeln der anderen. Die Fotografie hält dies zusammen. Birgit Szepanski

Bild/Performance
Manchmal bin ich irritiert von diesen fremden Privat-Fotos, die ich besprechen will, und schaue lieber noch einmal genauer hin, ob ich das nicht sogar selber bin da, in der zweiten Reihe von unten, vor unserem Haus oder dem der Nachbarn – wir sahen alle so gleich aus damals in den 70ern und die Eigenheime und Eigenheimzulagen sowieso –, und wie gesagt, ich schaue also lieber noch mal genauer hin, ob ich das nicht selbst wenigstens hätte sein können da auf dem Bild. Aber das sind nun doch nicht meine Eltern oder Nachbarn oder Großeltern dort, denke ich, und schüttele enttäuscht, aber irgendwie auch ein wenig erleichtert den Kopf, weil ich mit diesem Essay jetzt eben doch nicht gleich so ganz direkt über mich schreiben muss oder über meine Vergangenheit oder über dieses vertraute Gefühl des Repräsentativen zumindest – stolz vor irgendwelchen Häusern oder Wochenendhäusern oder Kulissen wie im Theater. Nach dem performative turn in den Geistes- und Sozialwissenschaften der letzten zehn Jahre kann und sollte man den gesamten privaten Fotoproduktions- und ‑rezeptionsprozess vielleicht stärker als eine Art theatrale Performance betrachten: Bei der Bildentstehung zum Beispiel nehmen wir in einem performativen Akt Aufstellung, zunächst im Off, und dann kommen wir in-one-shot ins Bild. Und wir bedienen uns bei der theatralesken Aufführung der Aufnahmesituation natürlich auch der alten Aufstellungsmuster aus der Zeit vor dem fotografischen Zeitalter. Unsere kulturell habitat-sedimentierten Körper erinnern sich dabei schon immer intuitiv an theatrale Bildperformances von früher zurück, unbewusst vielleicht sogar bis hin zu dieser legendären Bildaufnahme-Situation der Familie König Karls IV. von Spanien, die irgendwann im zugigen November des Jahres 1800 fröstelnd in einem ungeheizten Saal ihres Madrider Palastes Aufstellung nahm und sich von Francisco de Goya in-one-shot abbilden ließ, oder wenigstens beinahe in-one-shot, weil Abbilden damals eben noch primär Malen war (oder Zeichnen) – und jedenfalls noch nicht: Fotografieren. Oder an Velazquez’ Inszenierung von „Las Meninas“ – diese großartige Repräsentation der Repräsentation – weitere 150 Jahre zurück. Und zugleich stellt sich die Frage nach der historischen Differenz, die mit der Demokratisierung der Bildproduktion durch die Privatfotografie aufriss, als die Fotografie, und insbesondere die private Fotografie, das Malen weithin zu ersetzen begann und es ermöglichte, dass es theatralisch-repräsentative Bilder heute nicht mehr nur von Königsfamilien in oder vor deren „Eigenheim“-Kulissen gibt, sondern tendenziell von uns allenRainer Tozke

 
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