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Sonntagnachmittag
Am Tisch sitzen und Einen sitzen haben – sagt man so – immer schon Einen sitzen haben an diesen Sonntagnachmittagen mit dem Bergmannsschnaps in der Neubauwohnung – und die Frau raucht und lächelt in die Kamera, und man selber lächelt auch, dass es einem gut geht in diesem Moment, bevor man wieder einfährt in den Schacht, den Tunnel, die Woche, sich mal endlich hinsetzen und durchatmen statt unter Tage den Staub und die Arbeit im Pott mal Arbeit sein lassen und bei sich selbst ankommen und beim Deputat vielleicht und den Schnapsausgießer draufstecken, weil Sonntag ist und GEMÜTLICHKEIT und außerdem Sommer draußen, und man braucht sich nicht wundern, wann das alles anfing, wann man einsozialisiert wurde in dieses sonntagnachmittags-immer-schon-Einen-sitzen-haben – und sich fotografieren dabei oder fotografieren lassen – ob nun Besuch da ist oder nicht – und das Kind lächelt auch in die Kamera und braucht sich gar nicht wundern, wie es mal werden wird, wenn wir die Bilder übereinanderlegen später von Generation zu Generation an diesen Nachmittagen sonntags, weißt du noch? – „Hol’ sie mal raus – da drüben hinter dir in der Kommode liegen die Fotos von damals…! Und bring sie mal hierher zum Tisch, Junge!“
Bilder sind Notunterkünfte. Rainer Totzke

Interieur eines Sonntages
Sonntag. Nach dem gemeinsamen Mittagessen. Im Sommer. Die Fenster sind geschlossen, damit die Wärme draußen bleibt. Das Licht fällt weich in das Wohnzimmer. Das Tafeltuch, gestärkt. Mit einigen Flecken vom Essen. Mit Abdrücken der Gläser. Ein abgerissener Faden liegt auf dem Tisch. Weiter links eine Zeitung, ein Heft. In der Mitte eine Zigarettenschachtel. Freie Zeit zum Reden. In der Anwesenheit der anderen. Ein Interieur der Gemeinsamkeit eines Sonntagmittags. Am Tisch vier Personen und die Lücke der aufgestandenen Person.
Handarbeit. Einen Saum einnähen oder einen Knopf annähen. Eine Zeit, in der die wenigen Dinge des Besitzes gepflegt wurden. Aufarbeiten. Ausbessern. Die Dinge nutzen, die da sind. Der Tisch ist ausklappbar. Er wird zusammen geschoben und mittig zum Sofa gestellt, wenn man nicht an ihm isst.
Eine Zigarette ist kurz vor der Fotografie im Aschenbecher ausgedrückt worden. Eine Zeitspur der aufeinander folgenden Handlungen und Gesten. Reden. Sich verstehen. Alltägliches besprechen und zusammen lachen. Dann, eine Fotografie machen. Ein Augenblick entsteht. Der Moment der Gemeinsamkeit wird festgehalten. In ihm eine Leichtigkeit.
Wer der Fotograf ist, ist ungewiss. Ein Mann oder eine Frau. Schaut mal her – ein Satz, der vielleicht gesagt wurde, ein Satz, der nur die Aufmerksamkeit vom Tisch richtet und nichts weiter bestimmt. Der kurze Augenblick des Stuhlwegrückens, der Impuls in einer Fotografie die Gemeinsamkeit festzuhalten, die Gesichter, die dem Fotografen entgegenlächeln sind nicht Szene gesetzt. Es ist ein kurzes Umdrehen, eine Verschiebung der Aufmerksamkeit. Vom Tisch in den Raum. In einer Zeit, in der Fotografieren als Medium noch kein Spiegel im Privaten ist.
Der Blick auf diese anonyme Fotografie, der Einblick in diese private Welt ist ein Blick in eine verlorene Zeit und gleichzeitig ereignet sich ein seltsamer Gegenblick. Die Beschaulichkeit dieser sonntäglichen Szene, die Fröhlichkeit der in die Kameraschauenden scheinen bis in die Gegenwart zu lächeln und Zeit zu überspringen. Die lächelnden Blicke aus einer anderen Zeit schauen in das Heute hinein. Eine fremde Nähe wird spürbar. Birgit Szepanski

 
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