captured moment

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Bricolage
Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts überstanden zu haben, einfach nur überstanden zu haben als Familie wie dieser Schuppen im Flickenteppich der Kriege und der Erinnerungen jetzt hier ausharren bei Kaffee und Kuchen und das kollektive Gedächtnis zusammenstückeln beim Sprechen die Toten wieder ausgraben, die umgekommen sind von August 1914 an bis heute. – Wer dann alles noch bei uns säße, wenn es anders gekommen wäre vor Verdun zum Beispiel oder schon vor „vor Verdun“, friedlicher vielleicht und ohne Sarajevo zum Anlass zu nehmen und Uropa Heinrich nicht da einfach so gefallen wäre gleich am Anfang des Krieges ohne Eisernes Kreuz, und die Uroma war das vierte Mal schwanger gerade, und er hat ihn nicht mal gesehen, seinen Friedrich, der sich trotzdem gut machte erst, dann paar Jahre später bei der SA landete und gleich Hitler wählte und freiwillig zur Wehrmacht ging 1939, es bis zum Feldwebel brachte und schließlich an der Ostfront vermisst gemeldet wurde 1943. Wie es wäre, wenn das alles anders gekommen wäre und wenn er jetzt bei uns säße, wie seine beiden Kinder Horst und Anton, die bei einem Bombenangriff aufs Ruhrgebiet umkamen, Ende 44, und ihre Mutter Karin kam spätabends nach Hause, als alles gerade vorbei war und hat sich drei Wochen später das Leben genommen, einfach so. Wenn das alles anders gekommen wäre und die jetzt zum Beispiel alle bei uns säßen oder auch der älteste Sohn, Robert, der nach Berlin ging und diese Frau heiratete, die Jüdin war und die drei Kinder dann natürlich Halbjuden ab 1933. Und wie es Krach gab in der Familie deswegen, schon ab 1932 die nicht mehr miteinander redeten, der Friedrich und der Robert, wenn auch das anders gekommen wäre, und wenn sie die nicht einfach alle drei abgeholt hätten, als Robert sich schließlich doch scheiden ließ 1943 und dann auch an der Ostfront sich zu einem Himmelfahrtskommando meldete. Wenn das eben anders gekommen wäre…
In der Bildtheorie versucht man, eine angemessene Antwort auf die Frage zu finden, inwieweit es möglich ist, auch mit Bildern komplexe Bedingungsverhältnisse wie Zeitverhältnisse und Konditionale auszudrücken. Rainer Totzke

Provisorien
Manchmal läuft man Gefahr über etwas zu schreiben, das sich abgelöst hat, vereinzelt wurde, entfernt vom ursprünglichen Kontext und einer bestimmbaren Zeit. Und doch ist eine ungeteilte Aufmerksamkeit da, macht sich eine Fotografie, scheinbar von selbst wieder präsent: einfach, weil es Menschen zu sehen gibt und weil diese, in einer anderen Zeit lebend doch so anwesend zu sein scheinen. Durch ihren Blick, durch, das was sie tun, durch das Festgehaltensein im fotografischen Abbild. Die Teilnahme an den Handlungen, an Gesten und an der fotografischen Situation ereignet sich sofort, ohne Zögern, in wenigen Augenblicken.
Der abtastende Blick entlang der Fotografie kann Details folgen, sich an Stellen vertiefen, kann Beziehungen entdecken und so Vermutungen einleiten, Gedanken über: eine Gruppe, die an einem Tisch im Freien sitzt, die auf Holzstühlen und Bank sich einen windgeschützten Kaffeetischplatz geschaffen hat, trotz oder ob des Hintergrundes eines provisorischen Gartenhäuschens, über die Männerjacke des Fotografen, die Indizien liefert, über Frisuren, Kleidung und Schmucklosigkeit und über die gestückelte Teerpappe am Gartenhaus.
Und dann, ab dem Zeitpunkt wo der Blick all diese Details erfassen konnte beginnen Zwiegespräche. Jene, aus der Stille der Fotografie auftauchenden Gespräche: leise Sprachfetzen aus Erinnerungen, Fragmente aus eigenen Erzählungen, möglich erscheinende Sätze, Dialoge der abgelichteten Figuren – und dann dichtet man den Wiesengeruch noch dazu und vielleicht das Gesumme von Insekten.
Irgendwann, scheinbar unvermutet und plötzlich schweift der Blick wieder ab: Der Briefkasten am Haus, das hohe Gras, Holzstühle und Holztisch, das Feststellen, das es keine Kunststoffgegenstände gibt, keine Zeichen, die sagen würden, das die 1960er Jahre begonnen haben. Und der wiederholte, jetzt schon leicht irritierte Blick auf das seltsam, mit Teerpappe verkleidete Haus. Ein zweites Zwiegespräch beginnt: Farbfilme kamen erst mit den Alliierten nach Deutschland, Lebensläufe, die die 1940er Jahre im erwachsenen Alter erlebt haben, ein Haus, das wahrscheinlich kein Provisorium ist, harte Holzstühle aus dem Innenraum nach draußen gestellt, das anfängliche Wirtschaftswunder oder nicht, und doch schon der Farbfilm.
Die Ungewissheiten, die Unwägbarkeiten, das unsichere, scheinbare Wissen. Die Fotografie entwickelt plötzlich einen anderen Realitätsmoment: Die Teerpappe am Gartenhäuschen, das keines ist, mit schwarzem Teer voll gesogen, rau und gestückelt, dort bleibt der Blick, verlangsamt sich und wird dann still – dieses Perfektwirkende des Provisorischen, das Nichtaufsplittern, die subtile Kargheit der Dinge kehrt sich ins Unheimliche um. Birgit Szepanski

 
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