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Argonauten
Und ein Schiff wird kommen und uns mitnehmen. Und wir stehen da noch einmal mit unseren zu groß gewordenen Händen, wie Geschwister am Ende der Kindheit zu Haus, endlich bereit in die Wanten zu klettern und alles klar zu machen zum Anheuern und Auslaufen. Und Vater nimmt noch ein letztes Mal dieses Matrosen-Foto von uns auf, hier im Wohnzimmer. Und wir schauen ihn an, und er schaut uns an, und aus der Küche kommt Mutter. Und ihre Augen sind wie Spiegel und Tränen, und wir sehen darin diese überbordende Schrankwand der Tradition (und des Abendlandes) in unserem Rücken, mit den Büchern und Bildern unserer Jugend, und wir suchen, sie zu entziffern und zu beruhigen, die Jahre, die hinter uns liegen und die, die da kommen werden. Dies ist ein maritimes Stillleben. – Dies ist ein einsames Meer, das sich vor uns ausbreitet, in das wir hineinsehen und auf das wir hinausjagen werden jetzt, die Welt zu vermessen und uns selber.
Aber eines Tages werden wir zurückkehren aus der endlosen Melancholie der Träume und Ozean-Bilder zu unseren eigenen Frauen, die aus der Küche kommen und ebenfalls weinen werden, ganz klassisch, wenn wir Segelboote aufstellen in unseren eigenen Wohnzimmern für unsere eigenen Kinder später. Und dass wir die Tränen verdrücken werden dabei, auch davon handelt dieses Bild. Rainer Totzke

Brief an G.
Lieber G., ich habe dieses Dia gefunden. In einem Karton mit alten Jugendbüchern. Eben den Krimskrams, den man wegpackt, ohne dass man die Souvenirs von Reisen, die nicht mehr gehörten Schallplatten und die selbst gebastelten Dinge von früher wegwerfen möchte. Man braucht sie nicht mehr, aber es hängen Erinnerungen daran. Irgendwo dazwischen, in dieser Kiste fand ich das Dia. Wahrscheinlich hat es Vater gemacht und es verschwand dann erstmal in seiner Sammlung. Vielleicht hatte ich es heimlich herausgenommen, weil es mir gefiel, ich erinnere mich nicht mehr genau.
Aber es zeigt uns. Wie wir nebeneinander stehen. Ich, mit meinem typisch melancholischen Blick und Du, schick mit neuem Hemd, ausgehfertig, wahrscheinlich mit Freunden verabredet, wie immer, damals in der Zeit, und eigentlich hattest Du dann M. getroffen.
Ich erinnere mich daran, wie ich an dem längst zu klein gewordenen Schreibtisch meine Bücher las. Diese alten Möbel, die wir von den Eltern stückweise bekamen und mit denen wir, so gut wie es ging unser Jugendzimmer bestückten. Siehst Du, hier unsere Schrankwand mit den Büchern aus der Kindheit. R. Crusoe neben K. Marx, dann die schwarz bändige, mit Goldschrift verzierte Reihe Enzyklopädie der Entdecker und Erforscher unserer Erde, die keiner von uns vollständig las, obwohl wir sie zusammen geschenkt bekamen.
Und oben links neben dem Schiff die beiden Porzellanpinguine. Das war ein Geschenk von K. Sie mochte uns beide. Manchmal, entdeckte ich, dass sie bei ihren Besuchen mich heimlich anschaute, aber sie blickte dann schnell weg. Dann warst Du mit K. zusammen, einen Sommer lang. Ich habe gelesen, Briefe geschrieben, die ich nie abschickte. K. , die den Kopf beim Lachen zur Seite neigte.
Und dort im Regal steht auch das Undergroundschild. Das, hattest Du mir von Deiner Englandreise mitgebracht. Darüber freute ich mich, da ich dachte, dass Du es aus einer Station abmontiert hättest. Ich schickte Dir später nur eine Postkarte aus Irland.
Viele der Bücher habe ich behalten. Auch das Buch Die wundersamen Reisen des Marco Polo. Ich habe geträumt, dass wir beide auf Meeren segelten, Abenteuer bestehen, Länder entdecken. Manchmal denke ich noch heute, wir hätten die Welt bereisen können. Zu zweit, Du und ich. Wir waren weit entfernt und doch gleich und immer anders. M. Birgit Szepanski

 
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