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Kind-Sein
Aus welcher Perspektive kann man etwas zu dieser Diafotografie sagen? Was fällt dem Betrachter als Punktum auf und was fand in der dem Foto vorhergegangenen Handlung statt? Ist das, was wir sehen ein wahrheitsversprechender Gehalt von Privat-Fotografien?
Ganz offensichtlich im Mittelpunkt der Fotografie:
Ein Kind, niedlich und rund, weiße Babykleidung, kleine Fußballen, rotes, feines Mädchenhaar, Pausbacken und große Augen, unwissender Nachobenblick, unterstrichen durch die groteske Situation in einem Teewagen zu sitzen. Daneben der Vater, den Teewagen mit einer Hand gesichert, lesend und nicht lesend, lächelnd und doch nicht lächelnd. Schützt sein ausgestrecktes Bein das Kind – oder versperrt er mit behutsam körperlicher Überlegenheit dem Kind den Weg aus dem Teewagen, solange bis eben dieses Foto gemacht worden ist?
Der Impuls für die Fotografie: das Kind, sein Süß-Sein, süßes Sein – jenes, das dem Kindlichem zugeschrieben wird, jenes, das Kind-Sein sein soll und es doch nicht ist. Solange bis dieses Foto gemacht ist, so lange bis die Kamera geholt wurde und die Fotografin den Auslöser gedrückt hat, bleibt das Kind im Teewagen und im Süß-Sein verfangen. Das Für-sich-Sein des Kindes, die Erkundung des Teewagens, Ertasten einer glatt spiegelnden Resopalplatte dauerte so lange, bis jemand zurief Und jetzt schau mal, und wo ist ….?
Das, was latent in dieser Fotografie vorhanden ist, ist eine Art des leisen Betrugs – die Eltern haben gelinst, gekichert über diese kindliche Unbeholfenheit, über die so leicht überschaubare Entdeckerlust. Sie freuten sich, das das Kind klein ist und niedlich und in einem Teewagen sitzt, ohne zu wissen, was dieser Gegenstand ist – und vergaßen dabei, was Kind-Sein ausmacht, das Nichtwissenmüssen des In-der-Welt-Seins.
Und hier, jetzt, unmittelbar vorliegend, der fotografische Beweis eines fast schon perfekten Vergessens jener zarten anfänglichen Gegenwart eines Ichs. Der Fuß, der Vater, die Distanz, das versteckte Lächeln, ein Gestell, Zurufen, Umdrehen aus einem Betasten: die unmittelbare Wirklichkeit. Und aus ihr hervorgehend ein Erinnerungsbild an ein Kind-Da-Sein, das keiner inszenierten Erinnerung bedarf. Birgit Szepanski

Fluchtlinien
Aufmerksamkeitssteuerung I: Wir versuchen eine Interpretation. Wir flüchten. Die Bretter der geöffneten Tür dienen als Fluchtlinien in dieses Bild hinein. Signalweiß nach Signalrot. Vater und Kind, die Konstellation der Figuren im Raum und deren Blicke, die die Aufmerksamkeit des Betrachters lenken wie die der Fotografin. Wir sind versucht, Fluchtlinien in dieses Bild einzutragen, Sichtpfeile, an denen unser Verständnis hängen bleibt oder Verweise und Bedeutungen sich abzeichnen im Index der Zeit.
Aufmerksamkeitssteuerung II: Oder aber wir setzen diese modernen Eyetracking-Verfahren ein. – Wir überantworten uns also diesen komplizierten Apparaten zur Blickbewegungsanalyse: Unser Kopf wird fixiert und dann dieses Foto vor unsere Augen gestellt, während eine Kamera gleichzeitig von vorn unsere Iris und deren Bewegungen scannt und die Daten dieser Iris-Bewegungen an einen Rechner überträgt, der wiederum in einem diagrammatischen Verfahren die Fixationspunkte des Auges und deren zeitlichen Wechsel auf das Foto rückprojiziert, entsprechende Punkte und Linien in das Bild einzeichnet und so den zeitlichen Verlauf des Sehens und der Aufmerksamkeit darstellt. Die Apparatur macht sichtbar, was die markantesten Elemente dieses Fotos sind und wohin unser Blick immer wieder zurückkehrt… – Wohin der Blick immer wieder zurückkehrt, das könnte die Bedeutung des Bildes sein.
Aufmerksamkeitssteuerung III: Und was es über unser eigenes Verhältnis von Vater und Kind aussagt, dass wir gerade das hier schreiben und lesen, und genau hier hängen bleiben, diese Analyse der Aufmerksamkeit genau hier beginnen (und enden lassen?) oder eine Theorie der Erinnerung zu erinnern beginnen und der Wiedererinnerung der idealen Blicksituationen zwischen Vater und Kind oder zwischen Kind und dritter Person (der Mutter?), zu der das Kind ja offensichtlich hinschaut und Kontakt hält/aufbaut und lächelt, um Anerkennung lächelt, eine Person (Mutter?) offensichtlich außerhalb des Bildfeldes, zu der das Kind eine Beziehung hat, dort unter dem Beistelltisch, während die Beziehung zum Vater so ist, wie sie ist, wenn er in der Eltern-Kind-Zeitschrift oder im Ikea-Katalog blättert oder in der Bedienungsanleitung für den neuen Video-Recorder oder in irgendwelchen anderen technischen Klischees versinkt in der Zwischenzeit, der Zeitschrift „Der Modelleisenbahner“ zum Beispiel. Eine Familienaufstellung könnten wir also auch aus diesem Bild machen, oder wir könnten auch explizit über Gefühle reden in diesem Vier-Personen-StückVersion: (Vater-Kind-unsichtbare-Person-(Mutter?)-unsichtbarer-Fotograf/Betrachterin), aber das wäre zu vage, das wäre sicher zu vage, wie über die Farbe zu reden und den Zusammenhang von Farben und Gefühlen in Fotos, die mit analogen Geräten aufgenommen werden.
Aufmerksamkeitssteuerung IV: Wir könnten aber auch einfach nur dieses Kind niedlich finden, wie es da so Dinge umnutzt in seiner Kindheit und Kleinheit und Niedlichkeit eben aus sich heraus die Beistelltische für Fernbedienungen und Bier kreativ umfunktioniert in kleine Eisenbahnwaggons mit Catering auf dem Dach oder in Höhlen, in die man hineinkriechen kann. Oder wir könnten fragen, warum es uns anrührt, dieses Niedliche-Kindchen-Schema immer wieder. Und wir könnten eine Theorie der Niedlichkeit erfinden dazu. Auch das wäre eine Möglichkeit der Interpretation oder des Flüchtens.
Die Welt besteht aus Fluchtlinien. Rainer Totzke

 
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