fourteenth floor

 

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Sonnenuntergänge
Die Sonne scheint bis zum späten Nachmittag in die Wohnung des 14. Stockwerkes. Der Blick über die Stadt. Ein Panoramablick. Am Abend durch das Fenster blickend, sieht man Sonnenuntergänge, die Stadt und den nördlichen Stadtrand mit der Autobahn. Die Scheiben sind staubig.
Stadtklänge: Autos, das unterschwellige Geräusch der Autobahn und Flugzeuge, die den Himmel durchschneiden. Atmosphären: kühle Luft, Sonnenlicht und das monotone Geräusch der Stadt, staubige Schlieren im Fensterglas, in das sich das Rot des Abendhimmels mischt.
Jemand dreht sich um. Nimmt die Fotokamera. Vielleicht aus dem im Wandschrank eingebauten Schreibtischfach. Der Farbfilm ist eingelegt. Auf ihm schon mehrere Sonnenuntergänge und Himmelansichten mit Wolken. Dann ein Foto von dem Sessel, der am Fenster steht. Von hier aus die Aussicht in den Himmel.
Die Stadt ist im Liegen nur zu erahnen. Die Kondensstreifen der Flugzeuge zeigen die Nähe der Stadt an. Der Blick in den leeren Himmel hinter dickem Glas, schallgeschützt.
Das Licht zeichnet sich auf der Oberfläche des Sessels ab. Quadratische Formen. Weiches Veloursleder. Ein von Designern gestaltetes Möbelstück für den Blick in die Ferne. Und doch diese Einsamkeit. In den Dingen, die von uns zu sprechen scheinen, weil wir sie besitzen und gebrauchen. Sie geben etwas preis, etwas von unserem Dasein.
Melancholie des Alltäglichen. Unerfüllte Sehnsüchte nach einem anderen Leben. Nach dem Fremdsein im eigenen Dasein. Ein Liegesessel mit Blicken in eine leere Ferne im 14. Stockwerk eines Hochhauses. Unzählige Sonnenuntergänge als Hintergrundpanorama eines Lebens.  Birgit Szepanski

Schamanismus in Bildern
Eindruck hinterlassen, wirklich Eindruck hinterlassen, auf Polstermöbeln wenigstens, zwischen zwei Schattenstücken vom Sessel aufgestanden und die Sommersonne zurechtgerückt und in die Küche gegangen und den Nachmittagswein geöffnet und noch schnell auf die Treppe gestiegen nach oben, um ein Buch zu holen oder das Telefonbuch wenigstens oder doch den neuen Esoterik-Führer vom Goldmann-Verlag, und heruntergeschaut plötzlich und sich eine Kultur vorgestellt, in der es gerade darauf ankäme, welche Eindrücke man auf Polstermöbeln hinterließe nach dem Aufstehen, eine Kultur, in der es spezielle Spuren- und Faltendeuter gäbe für frisch verlassene Couches und Sitzgarnituren, phantasiebegabte Semantiseure, die dem zufälligen Abdruck deines Körpers in Sesseln Bedeutungen zuwiesen oder Intentionen oder wenigstens dir die Zukunft voraussagten aus der nachgelassenen Geographie deines schese-longen Rekelns an Nachmittagen wie diesem und dem Licht und dem Schattenspiel in den Falten sowieso. Und auch dieses rote Kissen dort würde etwas ganz Besonderes meinen in dieser Kultur, und es käme auf die Konstellation an, wo und wie es so daläge im temporären Gesamtarrangement des Universums: Mikrokosmos = Makrokosmos. Und du stündest da oben im Maisonette und schautest hinunter und stelltest dir dieses Bild wie aus einer endlos langen Reihe von Bildern vor, auf denen du liegst und vom Sommer träumst, während andere nach dir kommen werden und den Abdruck deines Körpers nachdeuten von Generation zu Generation. Und du nähmest jetzt diesen alten Fotoapparat zur Hand der Marke Leica und fotografierst eben mitten hinein in die Deutungsoffenheit dieses Kunstwerkes dort unten. Schamanismus in Bildern! Rainer Totzke

 
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