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Handarbeit/Handzeichen
Ein uraltes Thema. Der Mann hat den Blick für die Kamera, und vor ihm klappt ein unlesbares Stück Papier ins Bild, und mit den Händen gibt er uns Handzeichen, und neben ihm seine Frau hat keinen Blick für die Kamera und ist beschäftigt mit Handarbeit. Und geschlechtersoziologisch scheint alles in Ordnung bei den beiden – wie Figuren aus einem Kartenspiel, die Muster auf der Bluse der Frau, französisches Blatt, schwarz und rot, Karos in verschiedenen Varianten – oder überhaupt das Thema Beziehungsmuster, die sich wiederholen im Hintergrund auf dem Stoffbezug der Couch, könnte man denken – alles sehr ornamental… Und der Blick kehrt zu dem Mann zurück und zu seinen Händen, und die Fingerstellung gehört ganz sicher zur Syntax einer uralten Gebärdensprache, könnte man denken. Mimik und Körperhaltung unterstützen die Intention des „Sprechers“ oder sie lassen sie zurücktreten. Ein Zeichen, das nicht so gemeint war, vielleicht. Kommunikation ist Mustergebrauch, könnte man denken. Und vielleicht verstehen wir die Beziehungen dann eben doch nicht zwischen den beiden, zwischen einander, wenn wir dieses Bild so besprechen und die Codes auf der Paarebene suchen, könnte man denken und wieder und wieder hinschauen, um herauszubekommen, welcher Handarbeit die Frau nun tatsächlich nachgeht dort am Tisch oder ob sie nur so tut und in Wirklichkeit auch nur irgendwelche archaischen Zeichen gibt, worum es geht. Menschen sind so. Rainer Totzke

Herr N.
Die Lüftung des Diaprojektors surrt. Herr N. hält die Fernbedienung in der Hand, rückt seine Brille mit dem Zeigefinger zurecht. Ein weiteres Diabild bildet sich im abgedunkelten Wohnzimmer auf der  Dialeinwand ab.             
Wir. Das sind wir,
denkt er. Plötzlich sieht er sich und seine Frau so, wie sie waren. Wie lange ist dies her? Ich, als junger Mann und R. neben mir. Wann genau war das? Er steht auf, geht in die Küche, trinkt etwas. Als er in wieder in das Wohnzimmer zurückkommt blickt er in sein vergangenes Gesicht. Sein Blick trifft auf den Blick eines anderen Ichs seines Lebens. Wann war dies, diese Frage hallt leer in ihm.
Ein Augenblick in seinem Leben mit R. Nicht alles war wirklich wichtig gewesen in seinem Leben. Heute nicht, damals nicht. Nicht alles hatte sich erfüllt. Nichts Besonderes hatte er sich erhofft. Vor einem Urlaub, das könnte es sein, dachte er. In den 80er Jahren. Hatten wir so ein Sofa in unserer Apartmentwohnung? Das Leben verschwindet im Nebensächlichen. Im Davor und Danach. In eingeteilten Vorhaben. Vor dem Urlaub, ja, so war es, dachte er. R. nähte gerade etwas, nähte etwas für den Urlaub um. Eine Bluse, einen Rock? Sie und ich. Ich. Sie. Ihre Haut wurde so schnell dunkelbraun. Fast olivbraun. Auch, wenn sie im Schatten blieb.
Herr N. drückt auf den Vorwärtsknopf der Fernbedienung. Weißes Licht beleuchtet das Wohnzimmer. Herr N. kontrolliert die Sortierung der Dias, stellt fest, dass es einige Lücken gibt. Schichtet dann einzelne Diarahmen um. Ihr Duft. Der Duft ihrer braunen Haut. Eine Sekunde lang schmeckt er ihn. Er schluckt mit trockenem Mund. Der Diaprojektor surrt. Die Diarahmen rasten in die Plastikfassung der Diaschiene ein. Ein klackendes, monotones Geräusch. Birgit Szepanski

 
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