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Als-Bilder
Dieses Bild zeigt einen Mann als einen Mann, der vor einem Vorhang sitzt. Dieses Bild ist ein Mann-Bild.
Es zeigt einen Mann als Mann sozusagen exemplarisch, könnte man meinen – ein Abstraktum im Konkreten – einen Mann als jemand, der lächelt, der seinen Geburtstag feiert und einfach nur glücklich ist und zufrieden oder gerade eben wieder ganz Kind – einen Mann als Geburtstagskind-Mann, könnte man sagen, wenn die Sprache das hergäbe, aus sich heraus.
Aber dieses Bild ist kein Sprechakt, kein Wort oder geschriebener Text (ebenso wenig, wie es ein Mann ist, ergänzt ein darauf spezialisierter französischer Maler, Pfeife rauchend im Hintergrund, stelle ich mir vor). – Nein, dieses Bild ist ein Mann-Bild, und es gehört wirklich zum Symbolsystem der Bilder, und mit Bildern kann man eben andere Sachen machen, als mit Worten oder Gegenständen oder Lebewesen wie Geburtstagskindern oder -männern zum Beispiel. In Bildern macht jeder Unterschied einen Unterschied, sagt einer dieser Bildtheoretiker, die ich kenne, und ich zähle also die Kerzen zu dieser Feier dort nach und möchte nicht entscheiden müssen, ob Mann-Geburtstag oder vielleicht doch Weihnachten ist auf diesem Foto – und was man mit dieser Information anfangen soll – und was man mit Bildern anderes tun kann, als mit 1000 Worten davon zu berichten oder einzufangen das Wesentliche im Unwesentlichen. (Und die Blätter des Gummibaums nachzuzählen, gehört in diesem Moment vielleicht auch dazu.)
Und wie Sie bemerken, nehme ich dieses Mann-Bild jetzt nicht eigentlich als Mann-Bild, sondern als exemplarisches Bild für eine jede vergangene oder kommende Bildtheorie, als ein Bildtheorie-Bild sozusagen, an dem ich alles das durchspielen kann, was es an Bild-Hinsichten gab oder gibt, philosophisch. Zum Beispiel kann ich anhand dieses Bildes auf den Unterschied aufmerksam machen zwischen den drei zentralen menschlichen Fähigkeiten –  erstens: etwas zu sehen, zweitens: etwas als etwas zu sehen und drittens: etwas in etwas zu sehen, und in diesem Zusammenhang auf die Als-Struktur der Wahrnehmung zu sprechen kommen und auf die prinzipielle Als-Struktur der Bilder erneut, das „ikonische Als“ wie manche sagen. Und ich könnte versuchen, an diesem Mann-Bild auch noch das Aspektsehen zu zeigen und den Aspektwechsel – wie  beim Kleinen Prinzen, wo jemand regelmäßig Hüte mit Schlangen verwechselt, die Elefanten verschluckt haben. Oder nehmen wir jenen Aspektwechsel des Sehens, wenn der Hintergrund plötzlich zum Vordergrund wird, metaphorisch zumindest: Und der Vorhang hinter dem Rücken des Mannes ragt jetzt in den Himmel wie griechische Tempelsäulen. Und ich könnte eine kleine Kultursemiotik des Vorhangs erfinden mit dieser Interpretation oder eine kleine Metaphysik des Vor-dem-Vorhang-lebens (aber dies hatte ich bereits anhand eines anderen Vorhang-Fotos getan) oder eine kleine Metaphysik des Zeichens und dessen, was jenseits des Zeichens wartet: in unseren mitunter erfindungsreichen Praktiken, mit Bildern umzugehen, auf Bilder anzuspielen oder auf Bilder versuchsweise zu sprechen zu kommen, hoffentlich nicht redundant, wie in einem Essay. Rainer Totzke


Tathergang
Herr W. hält seinen Kopf seitlich zum Kameraobjektiv. Eine Positionierung, eine Portraitaufnahme, in der er als Persönlichkeit zur Geltung kommen soll. Er schaut über die Wohnzimmereinrichtung mit dem gedeckten Kaffeetisch hinweg. Sein Oberkörper, im weißen Hemd und Krawatte ist ein ebenso abgestimmter konventioneller Teil wie die einzelnen Bestandteile des Wohninterieurs.
Neben den brennenden Kerzen, die auf dem Tisch, der Konsole und dem Schrank stehen fällt sein Gesicht vor dem Fenstervorhang erst spät auf. Er scheint zu lächeln, innezuhalten, still zu halten, mit der Gewissheit, dass ein Foto von ihm gemacht wird. Er sitzt im Mittelpunkt des fotografischen Ausschnittes. Mitten in seiner privaten Welt, die so wenig verrät.
Vermutungen zu seiner gesellschaftlichen Stellung, über seinen Beruf oder den Anlass der Fotografie bleiben vage, da die abgebildeten Gegenstände und der Habitus des Portraitierten wenig Deutungsraum zulassen. Das Unbestimmte fehlt und damit der Raum des Persönlichen. Konvention trifft hier jedoch auf eine Merkwürdigkeit. Das, was rätselhaft in dieser Fotografie bleibt, sind die Kerzen, der Vorhang und fehlende Schlagschatten – der Tathergang der Fotografie.
Das Foto ist mit einem Blitzlicht geschossen und es ist anzunehmen, dass dies der Grund für die zugezogenen Vorhänge ist, damit sich der Lichtreflex nicht auf der großflächigen Fensterfront widerspiegelt. Die verteilten Kerzen, die einzigen Lichtquellen im Raum. Aufgestellt um Herrn W.s Gesicht und Profil zu erhellen und um eine Atmosphäre mit privatem und feierlichem Rahmen zu schaffen. Herr W. erscheint vor dem Hintergrund des gestreiften Vorhanges und erhellt vom Kerzenschein hervorgehoben. Sein Lächeln gewinnt, je länger man ihn in seinem Umfeld betrachtet.
Auf eine subtile Weise gerät die Leere des Interieurs mit der pragmatisch-erfinderischen Lichtsetzung in ein schwankendes Verhältnis, das auf den Protagonisten zurückfällt. Herr W., der stille Arrangeur seiner fotografischen Abbildung – weiß was er tut. Birgit Szepanski

 
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