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Passformen
Zwei Sofas, Blumenmuster auf dunkelrotem Bezug, zwei Sessel, zwei Kissen, kirschrot, safrangelb, ähnliche Farben im Blumenmuster, Tischlampe mit gelben Stoffschirmbezug, gold schimmernder Standfuß, Holzpodest, Sofagarnitur eingefügt an Fensterwand und Längswand, grob gewebter Teppich mit Rautenmusterapplikation, florale Muster, Tischlampe, langblättrige Zimmerpflanze, orientalische Note, Fernsehgerät auf schmaler Kommode, Stellplatz für Ballonlampe, weißlederne Oberfläche, modisch-dezent.
Aussicht auf Wohnblock B1, weiße lichtdurchlässige Gardine, verschiebbare Verdeckung, rote, pflegeleichte Geranien, Balkongröße für zwei Personen, Weg in die Küche kurz, Abendessen am Sofatisch möglich, Fernsehschauen, Miete bezahlbar, Fensterrahmen aus braunem Holz, erhöhte Wohnqualität, Temperatur gut regelbar, helle Wohnung, mit Aufzug.
Kissen der Sofagarnitur abnehmbar, hölzerne Sofagestelle robust, Beistelltisch mit abnehmbaren Fuß, Gardine in Überlänge, eingerahmter Kunstdruck, Renoirs Stillleben Rosen in einer Vase, stilvoll, zeitlos, altrosa, rund geschnittene Tischdecke, atmosphärischer Mittelpunkt, farbliches Pendant zum Kunstdruck.
Schief verlaufender Tischdeckensaum, ungleiches Auflegen, unkalkulierte Schräglage, Ungenauigkeit im Gesamtbild, Wiederholung nicht mehr möglich.
Möbel zerkleinert, Fernseher entsorgt, verschenkter Kunstdruck, Teppiche verkauft, Gardine und Tischdecke weitergereicht, Ballonlampe im Designgeschäft, Mietwohnung mehrmals übergestrichen, Drittmieter, Fotoalben aus der Hand gegeben, Ankauf fotografischer Nachlässe, anonym.  Birgit Szepanski

Ich höre Stimmen
Einräumen, ausräumen, Orte besetzen und wieder freigeben wie dieses Wohnzimmer aus dem letzten Jahrhundert. Irgendwie sind Stimmen in diesem Raum. Stimmen, die beschwören, uns endlich einzurichten im Gewesenen, in den Musterungen der Teppiche, Tischdecken und Couchgarnituren, in den Spiegelungen der Bilder an den Wänden und im Farbfernseher natürlich. – Unerklärlich, von heute aus gesehen, wie wir hier leben konnten, im sozialen Wohnungsbau der 70er Jahre, während draußen die Autobahnschneisen geschlagen wurden und die Nachbarblöcke hochgezogen. Und das alles geschah gleichzeitig. Und wir konnten sie vom Balkon aus sehen, die Bagger an der neuen Hochstraße Richtung Innenstadt und die verlassene Haltestelle der Untergrundbahn. Und der Sohn ging dann später selbst in den Untergrund, weil er das nicht aushielt oder nach Frankfurt/Main und studierte Kritische Theorie, um sich daran abzuarbeiten, Adorno und Habermas, an der Zeit und der sozialen Architektur unserer Städte und Randstädte. Und das alles lässt sich ablesen an diesem Bild. Und wir überlegen, wie es uns selbst gehen würde, wenn wir in dieser Wohnung lebten und nacheinander die „Dialektik der Aufklärung“ läsen, den  „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ oder Adornos „Ästhetische Theorie“. Ob auch wir dann abschweifen würden von dieser Wohnung, von diesem Wahren Leben im Falschen oder ob auch wir begännen, von der sozialen Plastik zu träumen, wie dieser Schamane (“Schamane“) von der Düsseldorfer Kunstakademie, dem es irgendwann reichte und der nach Amerika fuhr und sich drei Tage lang mit einem Stapel Wallstreet-Journals und einem lebenden Kojoten in einen Raum einsperren ließ 1974 – einem ähnlichen Raum wie diesem hier, eingeräumt, ausgeräumt, verwandelt, als wäre es eine temporäre Galerie. – Ich höre Stimmen. Rainer Totzke

 
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