icons

 

related photos

Rituale
Anziehen. Ausziehen. Morgens. Einen Pullover über den Kopf ziehen. Den Arm in den Ärmel führen. Den anderen Arm in den Pullover zwängen. Ihn dann, obwohl er immer wieder wegrutscht in das Ärmelloch hineinziehen und die kleine Hand ergreifen. Dann die Hand durch die schmale Ärmelöffnung ziehen.
Abends. Den Pullover ausziehen. Das Schlafoberteil anziehen. Die Schlafanzugshose anziehen. Kleine Hände zerren an der Bluse. Zähne beißen sich in Handrücken. Der kleine Körper lässt sich hängen. Der Körper bäumt sich auf. Der Körper windet sich. Die Hände, beide Arme, die Beine, der Mund und die kleinen Zähne sind überall und nichts ist zu fassen.
Anziehen. Ausziehen. Ziehen. Er zieht. Sie zieht, zerrt, schiebt. Er windet sich, gleitet aus den Händen, läuft in ihre Arme, er hält sich fest, will gehalten werden, stößt sich ab. Fäuste ballen, Hände greifen ineinander, Köpfe berühren sich. Alltägliche Choreografie. Und das Wissen, das es so ist, dass man sich fasst, ringt, umringt, Mutter und Kind ist.
Der Vater sieht zu und nimmt den Fotoapparat. Für ihn ist es ein Blick auf eine abendliche Zeremonie, die ihm zeigt, dass er einen lebendigen Sohn hat, dass seine Frau sich um ihn kümmert. Er fotografiert einen tagtäglichen Akt zwischen Mutter und Kind. Jene Verstrickung von Nahsein und Fremdsein, von unzähligen Handlungen, in denen die Körper aufeinander bezogen sind, die Rollen erprobt und jeden Tag neu festgelegt werden.
Diese Privatfotografie öffnet den Blick auf ein alltägliches Ritual in einer familiären Welt. Die Handelnden halten ihre Rollen ein, die zeitlichen Abläufe sind festgelegt – in diese intime Welt alltäglicher Rituale schaut der Betrachter hinein. Birgit Szepanski

Bilder mit Migrationshintergrund
Orientalische Folklore: Maria mit dem Jesuskind vor dem Schlafengehen. Der offene Blick, das Lächeln des Jungen auf den Fotografen gerichtet, der sein stolzer, fröhlicher Vater sein könnte. Die Mutter: ganz in Kontakt mit dem Kind, eingetaucht in diese unvorstellbaren orientalischen Muttergefühle, ganz diesen Moment genießend, auch und gerade das Fotografiert-werden dabei mit geschlossenen Augen. Dieses „Überschwemmt-sein-von-Emotionen“! … – Dieses Bild ist wie eine Mutter-Kind-Ikone. Das heißt: Man kann seine Gefühle dahingehend auslagern. Wir wissen ja: Mutter-Kind-Gefühle oder auch Vater-Mutter-Kind-Gefühle lassen sich in unserer Kultur am besten immer in den Orient auslagern/“immigrieren“. Maria und dieses Jesuskind aus Palästina zum Beispiel sind seit 2000 Jahren die wirklichen Migrationshintergründe für unsere wirklichen Gefühle. Diese Fotografie macht sie sichtbar, könnte man sagen und dazu eine Theorie des Verstehens entwerfen, eine Theorie des Sich-Verstehens-in-Bildern. Eine Theorie des Sich-Selbst-im-sich-Fremd-Verstehens-in-Fotografien, eine Theorie der unbewussten Abspaltung und der  Reintegration.
Und man könnte auch auf die Krise der ethnografischen Repräsentation zu sprechen kommen in diesem Bild-Zusammenhang, auf die Frage, was wir eigentlich tun, wenn wir wirklich ins ethnologische Feld gehen und die „wirklichen“ sozialen Umrisslinien für den Bildgebrauch in fremden Kulturen  erforschen. – Was wir wirklich tun, wenn wir Theorien darüber entwerfen, wie bestimmte Bildherstellungs- und Bildbenutzungs-Praxen (das Aufnehmen, das Verschenken, das An-die-Wand-Hängen oder -Werfen oder -mit-Dart-Pfeilen-Bewerfen, das Zerreißen, Verbrennen, Einrahmen, Übermalen oder Weiterverschenken von Fotos) soziale Beziehungen stiften oder steuern oder zumindest stiften oder steuern sollen, in den Augen der Akteure. Und man könnte dann eine Anthropologie der Gefühle oder eine  Kulturhermeneutik anschließen – eine Kulturhermeneutik der fotografischen Horizontverschmelzung oder der unaufhebbaren Differenz. Und man könnte sich die Frage stellen, wie wir produktiv mit der eurozentrischen Behauptung umgehen, dass erst die westliche Kultur so reflexiv geworden ist, dass sie ihre eigenen sozialen und kulturellen Bedingtheiten, ihre eigene fundamentale Kontingenz, radikal zu thematisieren und zu fotografieren vermag.
Bilder sind Migrationsanlässe für unser Denken. Rainer Totzke

 
Leave a Comment

You must be logged in to post a comment.