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Agonie des Realen
Sich ein Kunstprojekt ausdenken: Kinder mit ihren Kuscheltieren vor Wohnzimmerschrankwänden ablichten und das Bindungsverhalten der Kinder in Bezug auf ihre Kuscheltiere beobachten dabei, wie sie mit ihren Tieren sprechen innerlich und den Blick an die Augen des Betrachters und der Eltern heften zugleich. Und in den Schrankwänden wären aufgereiht: die ultimativen Medien des vergangenen Jahrhunderts bzw. der Jahrhunderte zuvor: Fernseher und Bücher. Dieses Foto – genommen als Sozialstudie und Medienallegorie zugleich. Eines der Bücher im obersten Regal könnte „Also sprach Zarathustra“ heißen bei genauerem Hinsehen, und auch in diesem Buch würde jemand zu seinen Kuscheltieren sprechen: Die Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen und von der ewigen Wiederkehr des Missverständnisses dieser Lehre: reiner Fatalismus eben. Und es würde damit diese verdammte Agonie des Realen gemeint sein, die in uns herumspricht, in den Medien herumspricht, in den Fernsehsendungen, den Fotos und Texten herumspricht mit Worten, die wie Bilder sind und also mehr sagen als 1000 Worte ihrerseits aber irgendwie doch leer bleiben. Und auch Nietzsche hatte ein Problem mit seinem Bindungsverhalten, könnte man das Kind jetzt sagen lassen, während im Fernsehen die Tagesschau liefe mit Bildern des Flughafens von Mogadishu im Herbst 1977, arrangiert von Nam June Paik natürlich, während gleichzeitig Vater oder Mutter zu dem Kind sagen würden: „Ja stell dich mal da so hin – ja so, halte das Kuscheltier höher – und jetzt lächle mal schön…!“ und dann das gesamte Arrangement einfach fotografierten mit diesem Kodak-Film. – Während wir gleichzeitig daran denken müssten, ob es uns eines Tages gelänge, ganz ohne Rache zu leben – ohne Rache dafür, dass wir unsere Kindheit vor solchen Schrankwänden verbracht hätten, ohne Rache dafür, in solche Wohnzimmer hineinsozialisiert worden zu sein und in solche Fotografien! – Während gleichzeitig die 70er Jahre endlich doch noch zu Ende gingen offiziell und die Zukunft auf uns käme. – Während gleichzeitig Bilder von Inseln oder Küsten am Meer, Kerzenständer und Monstera-Pflanzen immer wieder als innere Bilder in uns auftauchten, und wir auch dafür eine Erklärung zu finden hofften in der Komposition: „Bilder haben doch eine Syntax!“ zum Beispiel. – Während gleichzeitig unser Unbewusstes sich immer weiter transfigurierte in diesem Foto, das nur ein Anlass wäre, und nichts weiter, und wir dies endlich verstünden, und endlich auch: was das wäre: ein sich selbst überschreitendes BildRainer Totzke


Fotokategorie Kind
Seit Beginn der Fotografie werden Kinder und Kleinkinder in einem nachgestellten oder tatsächlichen Interieur des Häuslichen abgebildet. Dem Interieur werden Qualitäten des Besitzes, des Reisens und kulturelle Traditionen zugeordnet. Gegenstände werden im Bildausschnitt so arrangiert, dass sie das fotografierte Kind umrahmen und es im sozial-gesellschaftlichen Status des Familienstandes zeigen. Das Portraitieren des Kindes ist Teil der Darstellung des Besitzes, des Hab und Guts und bildet neben Reise und Tradition eine weitere Kategorie.
Ein Mädchen, mit Stofftier, einem kindgerechtgroßen Eisbären. Eine moderne Fortführung des Sujets der Eisbärenfelle, auf denen Kinder wohlhabender Familien zu Beginn des 20. Jahrhunderts fotografiert wurden. An der holzvertäfelten Wand ein Gemälde mit Felsen, Wasser und Insel – Zeichen des Reisens. Blick auf eine Meeresküste, repräsentierte Fern-Sehnsucht.
Reisebesitztümer. Reisesouvenirs. Ergänzungen zum notwendigen Haushaltsstand. Andenken an den fernen Reiseort, an Urlaubszeit und das Privileg des Reisens. Ein Teeservice aus gelbem Leichtmetall, vielleicht aus Marokko zeigt kulturelle Offenheit. Ein mundgeblasener Glasfisch aus Bornholm, ein Kurzreisesouvenir. Die Grünpflanze, Gegenstand der Pflege und der Wohnzimmerausstattung. Transferiertes Relikt aus Palmengärten, Orangerien und Teehäusern.
Der Fernseher mit leerer Bildfläche, ein potenzielles Zeichen für den Blick in die Welt, Teilnahme am Weltgeschehen, tagtäglicher Informationsbedarf und private Unterhaltung.
Das Mädchen ist präzise inmitten dieser Zeichen und Kategorien positioniert. Es zeigt sich und sein Stofftier der Fotokamera. Kategorie Mädchen in der Kategorie Interieur des Besitzes. Stofftierbesitz und Stofftierbesitzerin, Kleinformatiges im Großformatigen, Zukunftsgarant im Eigenheim. Birgit Szepanski

 
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