linda gross

Linda Groß ist Stipendiatin am DFG Graduiertenkolleg “Auf den Weg in die Wissensgesellschaft” am Institut für Wissenschafts- und Technikforschung der Universität Bielefeld, wo sie über Strukturen der Wissensproduktion in der Wikipedia promoviert. Ihre Interessen lassen sich in Wissenschafts- und Mediensoziologie, kritischer Medientheorie,
qualitativen Forschungsmethoden, sowie in Fragen zu methodischen und epistemischen Analogien zwischen Wissenschaft und Kunst verorten. Letzteres motivierte ihren personal view zum Projekt beizutragen.
Linda Gross

Methodic and Epistemic Implications of (Multiple) Personal Views?
personal views widmet sich der Privatfotografie. Das Ausgangsmaterial bilden private Fotografien, die anonymen Archiven entstammen und, ihrer primären Funktion entledigt, den Weg in die Öffentlichkeit gefunden haben. Von dort werden sie von der im Sinne einer Kulturanthropologie arbeitenden Künstlerin in Obhut und anschließend unter die Lupe genommen. Jenen Bildern wird auf diese Weise eine neue Funktion zugedacht: Sie sollen für soziale und subjektive Strukturen sprechen. Sie stellen nun nicht mehr Objekte innerfamilialer, privater Kommunikation dar, sondern werden in einer künstlerisch-ästhetisch informierten Auseinandersetzung zu Untersuchungs- und Erkenntnisobjekten transformiert. Gerade dieser spezifische Umgang mit dem „Material“ lässt Parallelen zu einer qualitativ-soziologischen Forschungspraxis erkennen: So werden jene Bilder als quasi-ethnographische Dokumente oder authentische Ausdrucksgestalten sozialer Praxis behandelt, die Einblicke in private Räume und Praktiken ermöglichen und darüber Auskunft über Identitätskonstruktionen geben können. Das Projekt begnügt sich jedoch nicht mit Einblicken, sondern geht über einen subjektiven, selbstreferentiellen Umgang mit seinem Material hinaus, indem es die Frage nach generellen Zusammenhängen in Form universaler Sinnstrukturen stellt und ästhetisch // analytisch // experimentell erfahren möchte, was diese Fotografien gemein haben und aussagen können. Als interdisziplinär angelegtes Projekt einer kollaborativen Bedeutungsproduktion, das sich zudem einer virtuellen Arbeitsumgebung bedient, realisiert personal views dieses Vorhaben auf mehreren Dimensionen.

Der Auswahlprozess, der die erste Dimension kennzeichnet, bewegt sich zwischen Allgemeinem und Besonderem: Ganz im Sinne einer hermeneutischen Typenbildung sucht die Fotografin einerseits nach ihren Besonderheiten andererseits nach gemeinsamen Mustern und Wiederholungen, die sich in Bezug auf das Private im Bild äußern. Anders als der Sozialwissenschaftler,  der dazu neigt Bilder in Text zu übersetzen, bevor er sich ihnen widmen kann, gibt sie dabei dem Bild und nicht dem Text den Vorrang – ihr Erkenntnisprozess verlässt somit nicht die Sprache des Bildes, die auch ihre eigene ist. Der wesentliche Akt dieses Prozesses liegt in dem der Selektion. Das sichtbare Ergebnis des Prozesses ist primär ein Bild. In Analogie zum anonymen Fotografen trifft die Künstlerin innerhalb eines gegebenen Bildrepertoires eine Auswahl und eröffnet die Frage, auf welche Weise das finale Bild das Nicht-Sichtbare, Aussortierte, Andere repräsentiert? Es kann keine Aggregation der gesichteten Fotografien sein und deren typischen Merkmale in sich vereinen. Es muss vielmehr als ein Einzelfall begriffen werden, der in seiner Besonderheit für etwas Allgemeines steht.

Über die Relation zwischen Besonderem und Allgemeinen lässt uns die Künstlerin im Unklaren. Indem sie aber eben nicht jene Relation sprachlich expliziert oder definitorisch bestimmt, eröffnet sie einen Raum für die zweite Ebene des Interpretations- und Bedeutungsproduktionsprozesses, an dem nun friends und Besucher der Webseite teilnehmen können. Die Aufgabe einer ersten textlichen Annäherung übernehmen zwei Autoren, ihrerseits zwischen Kunst und Wissenschaft angesiedelt. Diese Erzeugnisse dokumentieren eine Auseinandersetzung mit dem Untersuchungsgegenstand, die den Prinzipien der Perspektivübernahme und der Distanzierung, als einem ethnographisch-hermeneutischen Oszillieren zwischen Einfühlen und Entfremden im Dienste des Verstehens, entsprechen. Die aus dieser Herangehensweise erarbeiteten ästhetischen Dimensionen der Darstellung des Privaten im Bild fließen wiederum in die Bilddiskussion und -auswahl mit ein. Die so in dem Projekt angelegte Vielfalt der Perspektiven und deren Rückkopplungen manifestieren sich zunächst in zwei Medien (Bild und Text), die zugleich Ausdruck spezifischer Perspektiven und Herangehensweisen sind. Zusätzlich werden weitere mediale, theoretische und künstlerische Zugänge zum Gegenstand in den Diskurs aufgenommen.

Der Blog als technische Rahmung und materialer Ort des Projekts ermöglicht sowohl Präsentation als auch Verflechtung dieser Vielfalt von Annäherungen in Form und Inhalt: Per Hyperlink werden Verknüpfungen zu anderen Assoziationen und Beschäftigungen verschiedener Provenienz gelegt und auf neue Zugänge und Möglichkeitsräume verwiesen. Per Hyperlink wird zudem aus dem Mikrokosmos des Blogs heraus auf neue virtuelle Kontexte der Darstellung und Rezeption von Privatfotografien verwiesen, was dem Prozess der Bedeutungsherstellung eine dritte Dimension verleiht.

Die so hergestellte Verbindung zwischen analogen und digitalen Bilderwelten regt einen historischen Vergleich an, aus dem Rückschlüsse über einen medial bedingten Wandel oder über mögliche Universalismen der Vorstellung und Darstellung von Privatheit im Bild gezogen werden können. Der den Hyperlinks folgende Besucher der Webseite wird implizit angewiesen, selbst zum Ethnographen zu werden, sich mit einer neuen Perspektive oder Suchbewegung im virtuellen Busch herumzutreiben, sich staunend und fragend seiner eigenen wie einer fremden Kultur zu nähern. Schließlich unterstützt eine weitere Elementarfunktion des Blogs, der Kommentar, dieses Unterfangen eines prozessualen, hypertextuellen „Forschungsprojekts“ à la Web 2.0: Rezeption und Produktion bedingen sich gegenseitig und das in einem nicht unbedingt abschließbaren Prozess, der stets Neues hervorzubringen vermag. Dem Besucher der Webseite wird die Möglichkeit gegeben, sich in die kollektive Bedeutungskonstruktion des Projekts einzuklinken und daran mitzuwirken.

A Personal but Public View?
Im Folgenden soll es – im Umgang mit diesen Bildern – nicht um deren Aneignungspotentiale und mögliche subjektive Bedeutungszuweisungen (Jeder mache sich selbst ein Bild!), noch um einen poststrukturalistischen Zugang (Ein Bild ist ein Zitat ist ein Zitat ist Macht!) gehen, sondern um eine struktural, mediensoziologisch und -kritisch geprägte Perspektive auf mögliche Eigenlogiken der Fotografie, die deren Herstellung und Gebrauch bestimmen – ausgehend von der Annahme, dass allgemeine Sinnstrukturen durch den Prozess des Erzeugens eines Bilds im Privaten hindurchwirken und sich in dieses einschreiben.

Eine Frage drängt sich dabei auf: Kann man überhaupt von Privatfotografie sprechen? Ist das, was das Projekt verspricht, nicht ein logischer und notwendiger Schritt, der die Mystifizierung des Privaten in der Fotografie offenlegt?

In der Fotografie scheint die Unterscheidung zwischen Privat und Öffentlich schon immer diffus zu sein. Privatheit kennzeichnet etwas Besonderes – eine autonome, geschützte Sphäre, die dem Allgemeinen gegenüber steht. Das Private entzieht sich gesellschaftlich normierter Erwartungen und ermöglicht Räume, in denen sich subjektive Erlebnisse und Bedeutungen in ihrer Besonderheit und Einzigartigkeit konstituieren und gelebt werden können.

Die Demokratisierung der Fotografie, ihre Ubiquität, scheint für den privaten Raum zunächst neue, authentische Möglichkeiten der Identitätskonstitution zu eröffnen:

„Als private Technik produziert die Photographie private Bilder des Privatlebens. Mit dem photographischen Bild hat die industrielle Technik den am meisten Benachteiligten die Möglichkeit eröffnet, Porträts zu besitzen, die nicht länger die Porträts der Großen dieser Welt oder der Heiligen im Himmel sind.“ (Pierre Bourdieu et al. (1965/2006): Eine illegitime Kunst: 42)

Bourdieu sieht in der Amateurfotografie ein demokratisierendes und emanzipierendes Potential. Die Aneignung einer bislang elitären Technologie im familiären Umfeld entgeht somit dem Zwang der Repräsentation und stereotypen Darstellung von Familie: Die Kleinfamilie kann nun selbst bestimmen, wie sie sich darstellt, und zwischen intimen, der eigenen Vergewisserung und Erinnerung dienenden, sowie repräsentativen, öffentlichen Bildern differenzieren. Doch das, was sich als scheinbarer Zugewinn anbietet, erweist sich bei näherer Betrachtung als dessen Kehrseite.

Mit der Ermächtigung zur selbstbestimmten Identitätsbildung qua Bild ist auch die Möglichkeit zur Selbstinszenierung gegeben. Dabei wird in der Produktion – als Auswahl und technisches Einfangen eines Bildes –  nicht nur die eigene Familie mitgedacht, sondern auch ein imaginiertes Publikum. Der Akt des Fotografierens erweist sich dabei nicht nur als familiäre sondern auch als gesellschaftliche Positionierung. So trägt das Medium den Imperativ der Repräsentation und folglich der Inszenierung in die eigenen vier Wände und bringt die Mauern des Freudenhauses zum Einstürzen. Mit McLuhans Metapher des „brothel-without-walls“ impliziert das Foto den Zwang zum Habhaftwerden des abgebildeten Objekts, auch wenn sich dessen eigentliche „Aura“ (Walter Benjamin), die Besonderheit und Einmaligkeit seiner ästhetischen Erfahrbarkeit, aus seiner Flüchtigkeit und Ferne konstituiert. Einmal auf Film gebannt werden Unbestimmtheiten aufgelöst und soziale Dynamiken zu Produkten, die in ihrer Fixiertheit der Bewertung und Vergleichbarkeit zugänglich sind.

So stellt die Fotografie ein Medium dar, das den privaten Raum öffnet und die kulturindustrielle Logik eindringen lässt. Denn der Akt des Fotografierens als Auswahl des Objekts, als Fokussieren und in Szene setzen, speist sich schon im Produktionsprozess neben selbstreferentiellen Bezügen aus generalisierten Erwartungsstrukturen, Semantiken oder Symbolen, die nicht nur auf den familiären also privaten Raum begrenzt sind.

Wenn also die Mutti vor dem Matterhorn posiert, dann ist – für „damalige Verhältnisse“ – die Sissi und der Franz mitgedacht, vielleicht sogar der A. und die E., die Ansichtskarten und der Trenker, die Sage um und der Aufstieg von. Alles Symbole im Kopfe des werten Gatten, der den Auslöser drückt und „mehr nach rechts!“ ruft. Dann mag er sich sogar fühlen wie einer, der Die Von Und Zu vor der Linse hat und mit professionellem Eifer das Beste aus der Situation holt. Oder er arbeitet unweigerlich mit an der Reproduktion einer nationalen Symbolik, wird zum Handlanger einer Propagandamaschinerie, die sich des guten deutschen Bergs bedient, dem er sich aneignend nähert, in seinen Apparat bannt und letztlich ins Wohnzimmer bringt.

Durch den Apparat ermächtigt zum Produzenten und doch sich an Klischees und Stereotypen orientierend und diese reproduzierend. Die im Projekt ermittelten Bildmuster, als relevante, häufig auftretende Themen der privaten Fotografie, verweisen auf jene Stereotypen: Wir sehen und erahnen repräsentative Objekt- und Sozialbeziehungen, die Familie als Hort der Bürgerlichkeit, konventionelle Lebenswege, Vater-Mutter-Kind, Haus, Garten, die Schrankwand und andere Devotionalien des distinkten Geschmacks. Hier spiegeln sich normierende Vorstellungen von Privatheit, die auch in TV oder Film als Referenzrahmen mit nivellierendem Potential verfügbar sind.

Die Grenze privat-öffentlich verschwimmt ebenso in der Rezeption, die primär ein einzigartiges, idiosynkratisches, identitätsstiftendes Erlebnis innerhalb der Familie versprechen soll, im Prinzip jedoch zu einer Mimikry massenmedialer und kulturindustrieller Rezeptionsverhältnisse gerät.

So sitzt Familie X in ihrem Wohnzimmer und schaut sich das Familienalbum vergangener Jahre an – während Familie Z eben Gleiches tut und auf Tochter X wie jene auf Tochter Z schaut, die manierlich vor der Schrankwand posiert. Insgeheim wissen sie als Produzenten und Publikum ein und desselben Stereotyps, dass dieses einmalige „Event“ und seine Dokumentation statt Unnachahmlichkeit, Singularität oder auch „Individualität“ nur durch Reproduktionsfähigkeit, massenhaften Auftretens und standardisierten Wiederholens an Wert besitzt. Jeder möchte doch solch ein Bild von sich besitzen! Fehlt dieses Foto, dann ist, als wäre es nicht passiert. Dann wäre man nicht jung und unbedarft gewesen. Dann hätte man an scheinbar wichtigen Momenten nicht teilhaben dürfen. Man wird den Eindruck nicht los, dass es kein richtiges Leben im Falschen gäbe. Denn das hier ist das Richtige!

Wirft die Kulturindustrie somit auch im Privaten ihre Käscher aus, indem sie die Relevanzstrukturen in der Privatfotografie bestimmt und der Standardisierung unterwirft? Aus dieser, als einer möglichen, Perspektive und um den Raum für Diskussion zu öffnen, stellt sich die Frage, welche Potentiale von Widerständigkeit möglich sind. Und: Ist Widerständigkeit nur in jenen terms der Abweichung und der Auflösung der Reproduzierbarkeit und Konsumierbarkeit von Privatfotografien möglich? Linda Gross