manuela lintl

Kunstwissenschaftlerin und Kunstpublizistin, geb. 1967 in Salzgitter, seit 1989 in Berlin
1990-96 Magisterstudium Kunstwissenschaft an der TU Berlin
Mitglied im Verband Deutscher Kunsthistoriker e. V.

Personal Views
Der Titel Personal Views scheint sich, auch bei nur geringen Englischkenntnissen – von selbst zu erklären und kann deshalb vielleicht etwas zu vorschnell als leicht verständlich und offenkundig eingestuft werden. Personal meint das Persönliche, Views sind die Blicke oder Ansichten. Doch was genau meint Personal Views? Persönliche Meinung, persönliche Sichtweisen oder nicht doch eher den privaten Blick, die Privatsphäre? Ist der individuelle Blick auf die äußere Welt gemeint oder eher der verborgene, ganz persönliche, intime Blick eines jeden Einzelnen nach innen? Es handelt sich also um einen Titel, der zugleich etwas erklärt und verklärt. Doch gerade in seiner Vieldeutbarkeit entspricht er sehr genau dem Inhalt des von Susanne Wehr initiierten Internetprojektes über Privatfotografien aus anonymen Archiven, kombiniert mit Textessays von Birgit Szepanski und Rainer Trotzke.
Das Projekt volks-bild von Susanne Wehr, gewissermaßen der Ausgangspunkt und Bilderquelle von Personal Views,  kenne und verfolge ich schon seit einigen Jahren und habe im Kontext verschiedener Ausstellungen und Publikationen darüber geschrieben. Dabei fasziniert mich immer wieder, so auch jetzt, die Grenzüberschreitung von wissenschaftlicher Analyse und persönlicher Betroffenheit im Umgang mit den anonymen Privatfotografien und –dias. Der Versuch, das persönliche Bild- und Erinnerungsmaterial, die Personal Views von uns gänzlich unbekannten Menschen zu versachlichen steht dabei meist im Vordergrund. Und dennoch lösen die seltsam vertraut erscheinenden, detailversessen inszenierten Privatfotos oder auch flüchtig festgehaltenen Schnappschüsse stets Erinnerungen an eigene Erlebnisse, manchmal vertraute Stimmungen und Empfindungen aus. Ein scheinbar von den Amateurfotos selbst generierter Automatismus. Zumal oder eben weil die Bildmotive, die Susanne Wehr in thematisch orientierte Gruppen einordnet, denen in unseren eigenen alten Familienalben so unglaublich ähnlich sind: wir begegnen mit Erstaunen und Unbehagen diesen Zeugnissen kollektiver Alltagsgeschichte, visualisiert in standardisierten Formaten. [Vgl. dazu auch den Textbeitrag von Linda Gross.] Der französische Anthropologe Pierre Bourdieu hat in einer bereits 1965 erschienenen Studie über den sozialen Gebrauch der (Laien-)Fotografie darauf aufmerksam gemacht, dass sich die vermeintlich objektiven Abbilder der fotografierten Realität in Wirklichkeit den Imperativen des sozialen Lebens weitaus stärker unterordnen, als ihre unmittelbare technische Beschaffenheit glauben macht. [Vgl dazu Christoph Behnke: Fotografie als Illegitime Kunst, Pierre Bourdieu und die Fotografie, 10/2007, in: web journal transversal]
Dies trifft insbesondere bei der Dokumentierung familiärer Rituale, Zeremonien, Ereignisse, Feste, Urlaubsreisen etc. zu, die vorrangig der Gruppenrepräsentation und –solidarität dienen und sie fördern sollen: Das Außeralltägliche wurde und wird in erster Linie zur Integration der familialen Welt abgebildet. Wohl deshalb kann die erinnerungsauslösende Funktion beim Betrachter selbst dann aktiviert werden, wenn dieser in keinerlei persönlichem Verhältnis zum aufgenommenen Motiv steht.
Andererseits kann uns durchaus Befremden befallen, wenn wir die eigenen, uns zugehörigen Erinnerungsbilder aus unseren persönlichen Familienalben erneut, vielleicht nach langer Zeit einmal wieder betrachten. Unser Selbstbild stimmt mitunter nicht (mehr) mit den fotografischen Abbildern aus Familienbesitz überein: So wie Fremdes uns vertraut erscheinen kann, kann das Vertraute uns fremd werden.