matthias reichelt

Reality Bites
Auf meinen Fahrradfahrten durch Berlin sowie auf Reisen per Zug durch die Republik habe ich immer meine Digitalkamera dabei und halte fest, was mir wert ist, erinnert zu werden. Bilder von mir meist völlig unbekannten Menschen, aber häufiger Situationen, die eine interessante Architektur oder eine bemerkenswerte Setzung und Anordnung von Zeichen erkennen lassen. Es sind Szenen und Situationen, die vielen kaum auffallen dürften, aber bei mir das Dickicht der medialen Abschottung mühelos durchdringen und Aufmerksamkeit einfordern. Während Roland Barthes in seinem Essay über die „helle Kammer“ untersucht, was auf irgendeinem Photo etwas in ihm zum „Klingeln“ bringt, muss ich mich fragen, weshalb mir ganz bestimmte, von anderen keines Blickes gewürdigte Szenen, Anordnungen, Strukturen etc. auffallen und in mir etwas zum „Klingeln“ bringen. Es geht hier also um Wahrnehmung, um Fokussierung und das Setzen des Rahmens bez. des Ausschnitts, mit dem ich meinen Wahrnehmungsfokus in das Bild überführen möchte. In diesem Sinne sind die hier gezeigten Bilder „persönliche Ansichten“ zum einen und doch gleichzeitig eine bedingte Fixierung dessen, was wir Wirklichkeit nennen. Bedingt insofern, als dass ich durch meine Inszenierung und das Ins-Bild-Setzen unterstreiche, was für mich im Fokus steht und erinnerungswürdig ist.

Es sind visuelle „Fait divers“, die allerdings in keiner Zeitung auftauchen würden, da sie kaum ein Redakteur einer Meldung wert erachten würde. In Reihung gesetzt ergeben die Bilder für mich eine Ansammlung von Reality Bites, kleine und vielleicht auch kurzlebige Situationen im Sozialen, die aber auch einen Zustand eines größeren Kontextes erahnen lassen. Nimmt man die „Realität“ als Subjekt, so steckt in „Reality Bites“ nicht nur der Begriff einer kleinstmöglichen digitalen Speichereinheit (bit), sondern der Satz: Realität beißt. Als ob die Realität um meine Aufmerksamkeit buhlte und ich sie dann im Ergebnis würdige, indem ich sie mit meiner Digitalkamera festhalte. Unter dem Strich sind es meine persönlichen Ansichten vom Mikrokosmos einer Gesellschaft.

Mich interessiert immer ein sehr subjektiver Blick auf Gesellschaft, auf den Stand des Systems. Dabei finde ich Motive im öffentlichen Raum, die mir ebenso interessant zu sein scheinen wie die Innenansicht eines privaten Kosmos. Zeichen im öffentlichen Raum sind ja ebenso Indizien für private Verhältnisse, Omnipotenz, oder Verdrängung von Schwäche wie z.B. bei dem Eigentümer – wahrscheinlich kein Gewinner – des in der Leipziger Straße in Berlin fotografierten SUV mit besonders hohen Reifen, der den Fahrer gegenüber allen anderen im Straßenverkehr erhöht. Wahrscheinlich besteht die Hoffnung, dass sich dies auch auf andere gesellschaftliche Sphären erweitern ließe.

Der Schilderwald ist auch ein gefundenes Motiv, das ironisch den Regulierungswahn ad absurdum führt, während zur selben Zeit eine Umverteilung von unten nach oben vorangetrieben wird und große Teile der Gesellschaft in prekäre Verhältnisse gezwungen werden.

Klaus-Rüdiger Landowsky, einer der politisch Hauptverantwortlichen des Berliner Banken-Skandals, hatte immer einen Sitz im Lottoausschuss und galt als großer Förderer der zeitgenössischen Kunst. 2006 konnte ich ihn ganz alleine auf dem Art Forum beobachten. Niemand dieses opportunistischen Kunstsystems, das Landowsky groß gehuldigt hatte, nahm mehr Notiz von ihm oder wollte mit ihm gesehen werden. Aber der Kunstbetrieb hatte einen anderen Helden, der ebenfalls die Förderung von Landowsky genossen hatte und es als Autodidakt zum Kurator ins MoMA und auf das Cover einer Zeitungsbeilage geschafft hatte. Irgendwie erinnerte mich das Konterfei auf dem Magazin an Mussolini. Matthias Reichelt

Matthias Reichelt, geboren 1955, lebt als freier Autor, Kunstkritiker, Herausgeber und Kurator in Berlin.





Bei Schönhagen, Schleswig-Holstein, September 2007





Irgendwo in der Republik, April 2010





Kiel, Faul- und Haßstraße, September 2007





Kiel, September 2007





Winterfeldtstraße, Berlin, April 2010





Abgeordnetenhaus, Berlin, Oktober 2007





Bahnhof Zoo, Berlin, April 2006





Berliner Stadtreinigung, Berlin, März 2010





Gotenstraße, Berlin, April 2010





In einem Restaurant in Schöneberg, Berlin, Juni 2008





Köpenicker Straße, Berlin, November 2008





Kreuzberg, Berlin, März-2010





Kreuzbergstraße, Berlin, Oktober 2008





Nähe-Friedrichstraße, Berlin, April 2005





New Star, Art Forum Berlin, September 2006





Potsdamer-Straße, Berlin, April 2006





Prenzlauer Berg, Berlin, Juni 2009





Protest Unter  den Linden, Berlin, März 2005





Rollberg Passage Neukölln, Berlin, Februar 2007





Savignyplatz, Oktober 2007





Schillingbrücke, Berlin, November 2008





Schöneberg, September 2007





Steckbrief, Schönhagen, Schleswig-Hollstein, September 2007





SUV, Leipziger Straße, Berlin, September 2005





Vom Zentrum in die Peripherie, Klaus Rüdiger Landowsky auf dem Artforum Berlin, September 2006





Vorgarten, Schönhagen, Schleswig-Hollstein, September 2007