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personal-views – Interdisziplinäres Web-Projekt zu Identitätskonstruktionen in der Privatfotografie
Personal-views
– könnte man übersetzen mit persönliche Sichtweisen; persönliche Ansichten – gemeint sind Blicke in/auf/aus dem Privatleben eines jeden und zu verschiedenen Zeiten, seit es die private Fotografie gibt. Ob Familien, Paare, Reisen oder Feiern, ob Stillleben oder Gruppenbilder – Menschen fotografieren sich, ihre Freunde oder Verwandten, dokumentieren ein zeitliches, verschiedengesichtiges „Ich war hier“, halten private, gleichwohl gesellschaftlich relevante Kontexte im Medium Fotografie fest, kartographieren ein „Da-, Dort- und Hier-Sein“ in Bezug zu Orten und formulieren damit unzählige personal-views.
Aus Nachlässen und Ankäufen von Diafotografien aus den 1950er bis 1990er Jahren hat die Berliner Künstlerin Susanne Wehr eine fotografische Bild-Sammlung angelegt: mannigfache Bildsujets, anonyme Fotografen, unbekannte Biografien, Zeitsprünge, Muster und Selbstpräsentationen, Konstruktionen einzelner Identitäten stoßen Bild an Bild aufeinander. Dieser Faszination und dem Potential der anonymen personal-views folgend initiierte Susanne Wehr das Projekt Volks-Bild, in dem sie die privaten Diafotografien sortiert, schichtet und neuen Kontexten aussetzt. In dem zweiten Projekt Susanne Wehrs “personal-views”, begleiten die beiden AutorInnen – Birgit Szepanski, Künstlerin, Kunstwissenschaftlerin, und Rainer Totzke, Medienphilosoph, Schriftsteller – die Auswahl von einzelnen Diafotografien und dialogisieren in Textessays Potentiale, mögliche Sichtweisen auf das halbverborgene Bildmaterial der privaten Fotografie.
Welche Bildmuster sind zu finden, wie werden Identitäten formuliert und welche normativen Strukturen werden in dem Bildmaterial sichtbar, wieder erkennbar oder bleiben aus heutiger Sicht unverständlich? Die Essays von Szepanski und Totzke nähern sich den von Susanne Wehr ausgewählten und zu Themen zusammengestellten Diafotografien an. Fotografie und Text ergänzen sich und zeigen das „How to Look at It“ der Fotografie im Rahmen der Privatfotografie auf.
Öffentlich und in einen aktuellen Bild-Kontext gesetzt, wird das Projekt personal-views als Internetseite und Netz-Plattform präsentiert. Durch die Verlinkung von digitalen, im Internet fluktuierenden Privatfotografien werden aktuelle Bildarchive wie Google oder Flickr thematisch miteinbezogen. Dadurch entstehen weitere, unzählige Verknüpfungen, inhaltliche Auseinandersetzungen und Fragestellungen zum Thema des privaten Blickes, der sich immer im Spannungsfeld zwischen medialer Bilderflut, Bild-Stereotypen und dem Erschaffen einer Individualität befindet.
Das Aufspüren von fotografischen Zeitspuren, Lebens-Entwürfen, Identitäts-Konstruktionen und der Umgang mit dem Medium Fotografie gerät im multimedialen Bild-Projekt personal-views zu einer Suche nach sprachlichen wie visuellen Ausdrucksmöglichkeiten und Maßstäben. Es gilt, die Widersprüche und Grenzlinien einer kontroversen Situation aufzudecken und zu diskutieren: Das Bewusstsein, in einer medialisierten Welt zu leben und die Sehnsucht nach der Legitimation des Rückzugsortes der privaten Welt. – Birgit Szepanski

personal views
Der Erkundungsprozess

Das Projekt „personal views“ hat sich in einem sukzessiven und gemeinsamen Auswahl, – Reflexions- und Diskussionsprozess zwischen den beteiligten Künstlerinnen/Autorinnen Susanne Wehr, Birgit Szepanski und Rainer Totzke entwickelt. Dabei verlief sowohl die Auswahl der 25 Diafotografien des Projektes aus dem umfassenden Fundus der Sammlung volks-bild prozessual und integrierte Feedbackschleifen, als auch die Produktion der Texte.

Die Motivauswahl
Am Anfang des Arbeitsprozesses stand eine generelle Sichtung des gesamten für die Thematik relevanten Archivmaterials von „volks-bild“ durch Susanne Wehr. Sie stellte anhand des ausgewählten Materials eine Liste mit den typischen Motivgruppen von privaten Diafotographien aus dem häuslichen Umfeld zusammen. Nach einer Diskussion ergab sich aus dieser Liste die folgende Zusammenstellung der für das Projekt „personal views“ relevanten Themen:
Mutter und Kind -  Vater und Kind –  Mann und Frau –Mann – Großeltern – Frau – Geschwister – Teenager – Kind – Erotik – Mensch und Tier – Haustier – Weihnachten – Kindergruppe – Familienfoto – Feier – Gruppe vor Haus – Gruppe am Tisch – Haus – Wohnzimmer -  Essen auf der Terasse – Stillleben – Interieur – Fenster – Garten
Diese Themenliste bildete die Arbeitsbasis – sowohl für die Auswahl der Motive, als auch leitmotivisch für die Entstehung der Kurzessais. Sie spiegelt sich entsprechend in der Endpräsentation des Projektes auf personal-views.com.
Im nächsten Schritt stellte Susanne Wehr den beiden Autor/innen in einem über mehrere Monate laufenden Prozess jeweils ca. 20-30 Scans von Diafotografien zu jeder der 25 Themen zur Verfügung. Aus jeder Motivgruppe  konnten Brigit Szepanski und Rainer Totzke in Absprache drei bis vier Bildmotive auswählen. Aus dieser Vorauswahl wählte Susanne Wehr, unter Berücksichtigung der Zusammenstellung der bereits ausgewählten Bilder, die entsprechende endgültige Fotografie aus. Zu dieser begannen die beiden Autor/innen – zunächst unabhängig voneinander – ihre Kurzessais zu schreiben.

Die Textentstehung
Obwohl jeweils auktorial gezeichnet spiegeln sich in den Kurzessais von Birgit Szepanski und Rainer Totzke immer auch die Sichtweisen, Gedanken und Reflexionen der jeweils anderen Projektbeteiligten wieder. Die jeweiligen Texte wurden nach einer ersten Fassung von allen, im Kontext der jeweils eigenen Texte bzw. des gesamten Bild- und Textkorpus, intensiv kommentiert. Dies wiederum hatte Einfluss auf die mögliche Um- bzw. Weiterbearbeitung des Textes und  beeinflusste vor allem die Produktion der Texte zu den weiteren, nachfolgenden Bildmotiven aus den anderen Themenbereichen.